Kaum ein Begriff prägt die internationale Debatte derzeit stärker als Macht. Der russische Angriff auf die Ukraine, der strategische Wettbewerb zwischen den USA und China sowie der Wettlauf um Künstliche Intelligenz, Halbleiter und kritische Rohstoffe machen deutlich: Macht beruht auf unterschiedlichen Ressourcen. Militärische Stärke, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und technologische Innovationskraft sind die dominanten Faktoren. Verlässliche Partnerschaften, Vertrauen und die Attraktivität des eigenen politischen und gesellschaftlichen Modells sollten nicht außer Acht gelassen werden. Europa verfügt über erhebliche Stärken. Der Binnenmarkt, seine Unternehmen, seine Wissenschaft und seine Kultur verleihen ihm weltweit Ansehen. Viele Menschen verbinden Europa mit Rechtsstaatlichkeit, Verlässlichkeit und Offenheit. Diese Soft Power beruht nicht allein auf gemeinsamen Werten, sondern ebenso auf wirtschaftlicher Stärke, Innovationsfähigkeit und der Fähigkeit, Wohlstand zu schaffen. Europa muss seine industrielle Basis stärken und zugleich seine Offenheit bewahren. Beides gehört zusammen. Die Rahmenbedingungen dafür müssen sich spürbar verbessern. Für Europa entscheidet sich derzeit, ob es seine Zukunft selbst gestaltet oder von anderen gestalten lässt. Es ist noch zu früh, um zu beurteilen, ob die Reformbemühungen auf deutscher und europäischer Ebene weit genug reichen – ob Europa sogar eine Vorbildrolle zurückgewinnen könnte.
Für Unternehmen ist die Machtrivalität in den internationalen Beziehungen ein wichtiger Teil unternehmerischer Entscheidungen geworden. Lieferketten, Energieversorgung, technologische Abhängigkeiten und Investitionen werden heute unter anderen Vorzeichen bewertet als noch vor wenigen Jahren. Wie unsere Alumni auf diese Fragen blicken, haben wir sie direkt gefragt: Rund 400 von ihnen haben an unserer Umfrage zum Heftthema teilgenommen. Im eigenen unternehmerischen Umfeld verstehen die Befragten Macht überwiegend als Verantwortung, Orientierung und Entscheidungsfähigkeit. Auf internationaler Ebene nehmen dieselben Befragten Macht dagegen vor allem als Verschiebung wahr: etwa von Europa zu den USA und China oder von Staaten zu großen Technologieunternehmen. Die vollständige Auswertung finden Sie in diesem Heft.
Mit dieser Ausgabe möchten wir unterschiedliche Perspektiven auf das Thema Macht zusammenführen. Die Beiträge beleuchten das Verhältnis von Staaten und Unternehmen, von wirtschaftlicher Stärke und gesellschaftlicher Attraktivität sowie von persönlicher Führungsverantwortung und globalen Machtverschiebungen. Sie fragen danach, wer Narrative prägt und damit Deutungshoheit gewinnt, und blicken zugleich zurück auf jahrhundertealte Theorien der Macht, von Machiavelli und Hobbes bis Hannah Arendt und Elinor Ostrom, um zu verstehen, was sich davon in der Gegenwart wiederfindet. Gemeinsam fragen die Beiträge danach, wie Gestaltungskraft unter veränderten Rahmenbedingungen erhalten und ausgebaut werden kann.
Viel Freude beim Lesen!

Die Umfrage stand allen BBUG-Alumni offen. Die Ergebnisse beruhen auf 401 Antworten.

Sie waren Parteichefin, Vorstandsvorsitzende, Staatssekretärin: Annegret Kramp-Karrenbauer, Martina Merz und Katrin Suder diskutieren, wie sich die Machtverhältnisse im KI-Zeitalter verschieben, wie Europa die Ohnmacht vermeidet – und warum wir nie Größeres erleben werden als unsere Gegenwart.